Ab 12. Juni 2021: Eine Reise zu Dürrenmatt

Mit Gusti Pollak als Reisebegleiter

Zu den Jubiläums-Sonderausstellungen zum 100. Geburtstag des malenden Dichters im Centre Dürrenmatt Neuchâtel habe ich zusammen mit dem CDN das Projekt „Eine Reise zu Dürrenmatt“ entwickelt. Es besteht darin, Besuchende der Ausstellung von Bern aus in den Centre zu führen, ihnen auf der Zugsreise etwas zum Thema Kabarett und Theater bei Dürrenmatt zu bieten sowie eine kleine Einführung in die wahrhaft malerische Neuenburger Lebenswelt von FD auf dem viertelstündigen Spaziergang zu seinem Anwesen.
Anschliessend kann im Centre selbst das Bildwerk von FD im Dialog mit seinem Schriftwerk entdeckt und verglichen werden. http://www.cdn.ch

Im Zug zu Dürrenmatt passt sehr gut: Die Bahn spielt in seinem Werk eine zentrale Rolle, ganz speziell die Strecke von seinem Wohnort Neuchâtel nach Bern: „Ich hätte die Alte Dame nie geschrieben, wäre mir die Bühnenidee dazu nicht eingefallen. Diese bestand (…)  im Umstand, dass auch die Schnellzüge Bern – Neuchâtel in Ins und Kerzers anhalten, wodurch man gezwungen ist, die beiden kleinen trostlosen Bahnhöfe zu betrachten, ungeduldig über den Unterbruch, wenn er auch nur ein, zwei Minuten dauert, Minuten, die sich für mich lohnten, kam ich doch durch sie wie von selbst auf die erste Szene.“ Genauer: „Neben diesen Bahnhöfchen, diesen Bahnhofsgebäuden, ist eine kleine Bedürfnisanstalt. Es ist also ein sehr typisches Bild für kleine Bahnhöfe, dies lässt sich schon als Bild für die Bühne sehr gut verwenden.“

FD hat die Bahn als Sinn-Bild mehrfach dargestellt und beschrieben, von der legendären „Tunnel“-Erzählung bis zum Ölbild „Die Katastrophe“, das im Zuge der Führung durch den Centre besichtigt werden kann. Details (und Daten, für 2021 je 2 Samstage pro Monat bis September):
https://www.bls.ch/de/freizeit-und-ferien/ausfluege/centre-durrenmatt-kulturelle-reise   

FD’s Komödien werden oft als überdimensionierte Kabarettnummern aufgefasst („Richtige“ hat er nach dem Krieg auch einige geschrieben, für das Cabaret „Cornichon“). Seine Überzeugung, dass den wahrhaft ernsten Themen nur mit Humor beizukommen ist, teile ich, ebenso die Ansicht, dass hinter seinem oftmals gnadenlosen Witz eine grosse Liebe zu den karikierten Menschen und eine ebensolche Hoffnung steckt, dass sich die Welt-und Lebensumstände trotz allem zum Besseren wenden liessen.

Auch die Chanson- und Kleinkunstschaffenden führen den Zug in ihrem geistig-textlichen Reisegepäck, Gusti Pollak macht da keine Ausnahme. Dieses Lied (Aus der LP „Achtung eine AG!“) fand auch in der Revue „ÖV“ von Franz Hohler Anschluss (Wiederaufnahme bis 30.5.2021, sowie im September 2022 wieder, im Bernhard Theater Zürich), https://www.bernhard-theater.ch

Gusti Pollak: Chancegliichheit


Nomadland ist bester Film !

Eine Frau, die ihr Haus verliert und mit Sack und Pack und Wohnmobil dem Broterwerb nachjettet, das Ganze wird bester Film bei den Oscars.

Zu Beginn von Corona habe ich einen um einiges älteren Text aktualisiert:

PÜETZER 2000 (UND ZWÄNZG)

Also wenn das itz eso isch mit dene zuemuetbare Arbeitswääge, dass si mir vo Bärn us e Job chöi aahänke in Wil Sankt Galle u vo Züri us eine bir Frou Blocher z Ems, und drzue die flexibilisierte Arbeitszitte u die Schicht-, Nacht- u Sunntigs-Arbeit, Überschtunde u Usnahmeregelige, für all die Wienachts-, Oschter-, Black-Friday-Halloween- und süschtige Sonderaktionsverchöif,

also da hani für mi beschlosse: i mälde mi ab, chünde mi Wonig und inveschtiere di 1200 Schtei plus Näbechöschte schtatt i das Zwöizimmerloch mit Satelliteschüssle glatt i mi prueflechi Zuekunft. U de choufi mer es GA, es Wägeli und es Klappbett, wüll pfuuse chasch ou im Zug, oder imne Egge i dr Bude, we si no Platz hei bi däm 2-, 3-, 4- oder weissnidwiviil Schicht-Betriib, und öppis z Ässe findsch ou rund um d Uhr i dere globalisierte 24-Schtunde-Arbeitswält.

Gäll, innovativ muesch si, überall wird itz nume no uf Abruef produziert
(u wärde Lütt aagschtellt), alls wird us der ganze Wält häregfuget, mit Kerosin dür d Luft oder mit dräckigem Schwäröl über ds Meer, u när wärde di ganze Waare chrütz und quer dür ganz Europa gcharet – wüll d Lagerchöschte uf dr Outobahn zahlt ja d Allgemeinheit – und genauso chare n ig itz mit mim Wägeli als wandelnds Just-in-Time-Startup müglechscht corona-touglech chrütz und quer dür di ganzi Schwiz und bi eifach immer dert, wo si grad e vorübergehende Kapazitätsängpass hei.

Ds Produkt bi de eifach ig sälber, und so wirdeni im wahrschte Sinn vom Wort vom Arbeitnähmer zum Arbeit-Under-Nähmer.

D AHV-IV-EO-Prämie und d Chrankekasse si mini Dumping-Konkurränzpuffer, wenn s klappt, chani se ab und zue ou zahle, und süsch bini ja nid dr einzig, wo uf Pump läbt, müesst nume mal di Offroader uf dr Outobahn zelle, und när überlege, wi viil Lütt gnue Zapfe hei, für die würklech z bläche, für im Bild z blibe. Hütt biete sogar d Outobude sälber grad vo Afang e Leasingvertrag aa, inklusive Bank. Wär bar zahlt, isch sälber tschuld – oder vo geschter.

Aber das geit mi nüüt aa, mi Offroader fahrt uf Schine, ds Wägeli isch Aktion vom Aldi, u drümal furtschiesse und nöi choufe chunnt geng no billiger als es aaschtändigs, wo o nume füf Jahr hebt. Sogar inklusive Entsorgigs-Gebühr, we s nid sowiso imne n Egge lahsch la schtah wi all anger oo.
I schtelle s de eifach zur Verfüegig, open-source für Hobby-Baschtler.

Wobii: Zum Schprüüchmache isch mer nid immer z Muet, und überall, wo n i so desumechume, luegeni wi s eso usgseht uf dene Sozialämter u RAV’s u dene niderschwellige Gasse-Arbeits-Inschtituzione, u merke mer, wo s echli mönschlech zue und här geit.

Und wenn s mi de mal ändgültig zu dere Job-Rennbahn usschpickt, de fahri mit mim GA und mim Wägeli derthäre, pflanze mi vorem Schalter uuf u säge: Grüessech, da bi n i, i bi dr Modällpüetzer vom 21. Jahrhundert, flexibel, marktgerächt und schtandortmaximiert, i ha n es GA, es Klappbett und es Wägeli – machet mit mer, was Dihr weit

  © Gusti Pollak, ca 1990-er Jahre/adaptiert Corona 2020/21

 

Anmerkung: Der Püetzer 2000, der im Text seit den 1990er-Jahren als wandelndes Just-in-time-Produkt durch die Gegend karrt, wird erst schrittweise wieder Realität. Vorübergehend, aber wirkungsvoll, hat die schrankenlose Mobilität, welche die neue Krankheit erst zur Pandemie machen konnte, sich in absurd realer Weise selber abgeschafft.

 

Hyper-Super-League

Der folgende Text ist vom 29.11.1996

Gütiger Gott

Gütiger Gott
wenn du noch ein Herz hast
für die Armen und Unterdrückten
für die Geringsten unter den Geringen
und die Kleinsten unter den Kleinen
und die Kleineren unter den Grossen

Gütiger Gott
wenn du noch Sinn hast
für ausgleichende Gerechtigkeit
für die Ziellosen und Ausgesteuerten
für die Entlassenen und die Belasteten
für die Unqualifizierten
und die bisher noch nie Qualifizierten

Gütiger Gott
so dir noch Güte bleibt
in dieser Adventszeit
mit all den Kündigungen statt Verkündigung
dann erhöre dieses Freistossgebet
und sende uns ein Unentschieden
gegen Ajax Amsterdam
auf dass uns
wenn für uns schon kein Auskommen bleibt
und kein Einkommen
in diesen schweren Wirtschaftszeiten
so doch ein Weiterkommen
in der Champions League

zur Freude der Tausenden
in der Fan-Kurve
und zur Äufnung der Millionen
in der Klub-Kasse
jetzt gleich
nach der Werbung

 

Dürrenmatt – nicht nur zu Jubiläumszeiten

Er würde sich wohl den stattlichen Bauch voll lachen über der emsigen Tätigkeit, ihn aus Anlass seines 100. Geburts- und 30. Todestages ans Licht zu holen, Friedrich Dürrenmatt, dessen Aktualitätsgehalt auch 30 Jahre später atemberaubend sein kann, zum Beispiel die Kabarettnummer „Der Gerettete“, 1948 eine der ersten ungeschminkten Auseinandersetzungen mit der Schweizer Flüchtlingspolitik im 2. Weltkrieg – und heute …

Hier 3 Zitate (aus dem Film von Charlotte Kerr „Portrait eines Planeten. Von und mit Friedrich Dürrenmatt“):

„Ich glaube, Humor ist der letzte Versuch der Objektivität, den man der Welt gegenüber hat“.

„Was heisst Humor ? Das ist einfach Distanz. Wenn Sie etwas schildern wollen, dann müssen Sie Abstand nehmen dazu“.

„Ich bin einmal in die Universität gegangen zur philosophischen Vorlesung, und ich (…) kam von der Brücke und ging über den Casino-Platz und schaute dem Gärtner zu, wie der da die Plantanen (sic) schnitt, die Bäume, und wie er mich anschaut, schaute ich ihn an, da bin ich über einen Hundedreck, bin ich ausgeglitscht und bin auf den Hintern gefallen. Und (…) da schaut er mir so zu und hat etwas gelacht. Und dann bin ich weiter gegangen und bin auf die Universität und hörte zu. Und so nach zwei Stunden kam ich zurück, und da hatte er die ganze Reihe gemacht und war wieder vorne, aber also in der hinteren Reihe. Und ich habe ihn wieder angeschaut und bin wieder über den gleichen Hundedreck gefallen und sass wieder auf den Hintern. Und der hat mich angeschaut, ich vergess‘ diesen Blick nie. Und da war das ganze Erstaunen über mich drin, dass es überhaupt so einen Menschen gibt, der zweimal über den gleichen Hundedreck auf den Hintern fällt. Ich kann diesen Blick nie vergessen. Und das ist für mich Humor.“

Derselbe „Vorfall“ in „Turmbau, Stoffe IV-IX, Das Haus“, Werkausgabe 1998, Bd. 29, S. 115f.
„Ich hatte auf der Universität zu tun, an einem Nachmittag im Spätherbst. Auf der Terrasse vor dem Casino sind in mehreren Reihen Platanen gepflanzt, ein Gärtner war beschäftigt, die Äste zurückzustutzen, er stand auf einer Leiter unmittelbar am Rande der Terrasse gegen das Trottoir, ich betrachtete ihn, als ich an ihm vorbeiging, und er betrachtete mich, ich glitt aus, ein Hundedreck lag auf der Strasse, ich sass auf dem Hintern, glücklicherweise unbeschmutzt, ich erhob mich, als ob nichts geschehen wäre, der Gärtner verzog keine Miene, sah mir einfach zu, ich ging zur Universität, kam nach anderthalb Stunden zurück, wieder stand der Gärtner auf seiner Leiter, bloss an einem anderen ersten Baum einer anderen Reihe, wieder betrachtete ich ihn, wieder betrachtete er mich, wieder glitt ich aus, wieder auf dem gleichen Hundedreck, wieder ohne mich zu beschmutzen, wieder erhob ich mich, als ob nichts geschehen wäre, wieder verzog der Gärtner keine Miene, sah mir einfach zu, doch vergesse ich seinen Blick nicht mehr: Es lag ein unendliches Erstaunen darin, die überwältigende Erkenntnis, einem überirdischen Trottel begegnet zu sein, derart, dass es dem Gärtner die Sprache verschlug und nicht nur die Sprache, auch das Lachen, ja auch das Lächeln oder einen Ansatz dazu. Dem Mann auf der Leiter war der Mensch in seiner Lächerlichkeit an sich erschienen, als die Urkomödie, er hatte an mir, an meinem zweimaligen Hinfallen, an dieser Wiederholung des Lächerlichen etwas Metaphysisches erlebt, stellte ich mit blitzschnell vor, damals in diesen ersten Sekunden, stelle ich mir noch heute vor, gerade weil diese Wiederholung unfreiwillig geschah und nicht auf dem Kunstkniff eines Clowns beruhte, auf dem dramaturgischen Trick, das Komische mehrfach zu wiederholen. Indem ich dem Gärtner als das erschien, was ich war, erschien ich mir selber. Vielleicht wurde ich deshalb Komödienschreiber. Lappalien entscheiden, lächerliche Vorfälle bestimmen das Leben oft mehr als scheinbar wichtigere, ja tragischere.

Doch gibt es im Leben keine Zufälle, nur Vorfälle, (…)“

Konzern-Verantwortung: Die Volksmehrheit hat ein Signal gesetzt

Es ist klar: Die Konzern-Verantwortungs-Initiative ist nach Verfassung und Gesetz abgelehnt. Aber zur berühmten Tagesordnung wird niemand übergehen können. In den Kommentaren ging eines unter: Es wurde nicht einfach die nächste Initiative gebodigt, dank dem Ständemehr. Vielmehr sah sich die Wirtschafts-Mehrheit in Bundesrat und Parlament gezwungen, die Überzeugungskraft der Initiative durch einen Gegenvorschlag zu bremsen – und brachte nicht einmal diesen bei einer Mehrheit der Abstimmenden durch! Ein sehr seltenes und einschneidendes Resultat, welches auch zeigt, dass der höchst unverbindliche Gegenvorschlag schon jetzt überholt ist. Und wir Gefahr laufen, durch die kommende Entwicklung in vielen Staaten ins Hintertreffen zu geraten.

Die Mehrheit der Abstimmenden liess sich auch mit weiteren fragwürdigen Gegenargumenten nicht beirren und setzte ein entschlossenes Signal für – kontrollierbare – Menschenrechte und Umweltstandards.

Durch die mangelnde Bereitschaft der Polit-Wirtschaftskreise, diese Entwicklung vorausschauend anzuerkennen, haben sich leider verschiedene Gräben in unserem Land erneut aufgetan: Zwischen Deutsch und Welsch, Stadt und Land.

Und wenn es auch nur teilweise stimmt, dass der Bauernverband seine Nein-Parole in der Hoffnung auf Gegengeschäfte gesetzt hat, etwa die Unterstützung durch Freisinn und Wirtschaft bei der Debatte zur Agrarreform? Dann würde ein weiterer Graben wieder aufgerissen, der in den letzten Jahren durch grosse Bemühungen von beiden Seiten ein Stück weit eingeebnet wurde: der Graben zwischen Konsumenten und Produzenten. Wie soll ich meinen vielen Freunden und Bekannten in der Stadt Solidarität mit der Schweizer Bauernschaft schmackhaft machen, wenn der Bauernverband die Interessen der städtischen Bevölkerung derart unterläuft, in einer Sache, welche die Landwirtschaft gar nicht so zentral betrifft ?

Der nun mit Unterstützung der Ständemehrheit und der Volksminderheit durchgebrachte Gegenvorschlag war Resultat eines Bundeshaus-Manövers im letzten Moment. Wäre der frühere, verbindlichere Gegenvorschlag des Nationalrats nicht abgewürgt worden, hätte die Abstimmung mit all den schmerzlichen, schädlichen, trennenden – und teuren – Grabenkämpfen gar nicht stattfinden müssen !

Gusti Pollak, Boltigen

Leserbrief, nach der historischen Abstimmung vom 28. November 2020 an die ländliche Umgebung im Simmental gerichtet.
Und an die urbane in der „Republik“, (als Ergänzung zu Daniel Binswangers brillanter Analyse), schrieb ich:
„Es wird wichtig sein, dass die urbane Gesellschaft den veränderungsfähigen Teil der Schweizer Landwirtschaft nicht fallen lässt und als Baustein einer ökologischen und gerechten Wirtschaft weiterhin stützt. Ein wichtiger Baustein beim lokal Handeln und global Denken.“ 

https://www.republik.ch/2020/11/30/sieg-der-progressiven-schweiz

 

Wenn s einem am 1. August schüttelt …

Öite Zwouguscht (2. Ouguscht)
Oder: Grillitarie.
Hasch zerscht gmeint, d Migros sig musikalisch worde,
es heissi: Grill-it-Arie. Je nu: 
Grill-it-Arier wär ja no grüüsiger.

Dä patriotisch Ur-Schtou geschter / vo hunderttuusig Erscht-Ouguschter
Das Knall-und-Rouch – Petarde-Fescht / mit Cholegrill-Fettarte-Pescht.
Im Grab, da seit dr Täll zum Schiller: „Träjh di nid um und schiil zum Täller.“
Und dänkt sech ab sim Grilli-Vouk: Das isch kes Tälle-Willi-Grouk,
Was dihr am Erscht-Ouguscht und -Mai heit: Frässe / cha me nid mit Freiheit mässe.
So tobe Söi, vo mir us Veh / für das z gseh, gitt s es Virus meh.

Im übrigen habe ich zu Corona noch keinen neuen Text gemacht, die Situation ist ja von selber so grotesk, dass sie kaum mehr literarsatirisch zu toppen wäre.

Nicht neu ist das fortschreitende Überschreiten der Artengrenzen durch den Menschen, in der Gentechnologie wie auch bei den Lebensräumen, was mit aller Wahrscheinlichkeit auch der Grund für die neuste
Pandemie ist. Von einer früheren stammt der folgende Text
(nach Mani Matter):

dr Chrützfäld-Jakob und ds Babettli / hei ufem Chuchitaburettli
e fastfood gfrässe, ’s isch zum ggöisse / Mc-Vegi-Burger hett dä gheisse

druufabe isch de zersch ds Babettli / druuf gchlätteret uf ds Taburettli
und Chrützfäld-Jakob, wo süsch zaagget / isch tifig tifig drunder gschnaagget

de hett vo obe här ds Babettli / sis Tiermähl gchlopft uf ds Taburettli
bis dass dr Chrützfäld-Jakob topplet / so lutt hett undenufe topplet
und grüeft: „hehe, Frou Meyer, machet / de ds Fleisch nid z tüür !“,
du hei si glachet
und är isch obe gsi, äs unde / und ds Schpiil hett disewääg schtattgfunde

vowäge grad so i däm Schpiili / wi z grächtem, Bischpiil gitt es viili,
isch jede, dadrfür wird gchrampfet, / gärn dä, wo Billig-Mönü mampfet

es isch nid jedes wi ds Babettli / so harmlos mit Tiermähl und -fettli
drumm lueget, dass wi Chrützfäld-Kobli / gäng eine ungenufe toppli

i wett fasch säge: d Wält wär freier / we meh würd grüeft:
meh Freilandeier !

 

Püetzer in Corona – Zeiten

Püetzer 2000 (Version 2020)

In diesen Zeiten mit viel Zeit, zum Betrachten der Geschehnisse und ihrer Auswirkungen, auf die Erde, die Gesellschaften, aber auch auf das eigene Denken, kommen Gefühle, Stimmungen, Erinnerungen auf – und Texte, die durch längst vergangene Anstösse entstanden und doch noch erschreckend nah und aktuell sein können. Wie wenn sich gar nichts geändert hätte, sondern nur verhärtet und vergröbert.
Dieser Text entstand nach den ersten grossen Arbeitsmarkt-Krisen, als sogar in der verschonten Schweiz die Erwerbslosen-Zahlen über die Stellen nach dem Komma hinausschossen. Aldi gabs hier nicht, das Wort Startup musste erst noch erklärt werden, gleich wie kurz vorher „Derivat“, der Ruf nach den neuen Selbständigen war neu und ungewohnt – von den Scheinselbständigen und den Uber-Menschen ganz zu schweigen. Eine Immobilien-Crash-Krise war weit weit weg und in ihrer Wucht schlicht unvorstellbar.
Und jetzt sitzen wir zuhause in Quarantäne, alles steht still und wird Billionen vernichten, wir schauen durchs Fenster in die Aussenwelt, und angesichts nur schon von 10 Millionen US-Erwerbslosen ohne Krankenkasse, dafür konfrontiert mit (Stand anfangs April) 250’000 Corona-Fällen. welche America nicht great again machen werden, taucht die kleine Szene aus der Erinnerung auf und windet sich mit ein paar wenigen Strichen und Ergänzungen rein in die Realität.*

Die für die meisten hier nur unerbittlich ist, aber nicht tendenziell tödlich wie für viele überall, für die ohne Aussicht und Auffangnetz und die, welche ihr Zuhause unfreiwillig aufgeben und zurücklassen mussten.

* Realität mit einer Einschränkung: Der Püetzer, der im Text als wandelndes Just-in-time-Produkt durch die Gegend karrt, wird erst schrittweise wieder Realität. Zwischendurch, aber nachhaltig, hat die schrankenlose Mobilität, welche die neue Krankheit erst zur Pandemie machen konnte, sich in absurd realer Weise selber abgeschafft.