Dürrenmatt – nicht nur zu Jubiläumszeiten

Er würde sich wohl den stattlichen Bauch voll lachen über der emsigen Tätigkeit, ihn aus Anlass seines 100. Geburts- und 30. Todestages ans Licht zu holen, Friedrich Dürrenmatt, dessen Aktualitätsgehalt auch 30 Jahre später atemberaubend sein kann, zum Beispiel die Kabarettnummer „Der Gerettete“, 1948 eine der ersten ungeschminkten Auseinandersetzungen mit der Schweizer Flüchtlingspolitik im 2. Weltkrieg – und heute …

Hier 3 Zitate (aus dem Film von Charlotte Kerr „Portrait eines Planeten. Von und mit Friedrich Dürrenmatt“):

„Ich glaube, Humor ist der letzte Versuch der Objektivität, den man der Welt gegenüber hat“.

„Was heisst Humor ? Das ist einfach Distanz. Wenn Sie etwas schildern wollen, dann müssen Sie Abstand nehmen dazu“.

„Ich bin einmal in die Universität gegangen zur philosophischen Vorlesung, und ich (…) kam von der Brücke und ging über den Casino-Platz und schaute dem Gärtner zu, wie der da die Plantanen (sic) schnitt, die Bäume, und wie er mich anschaut, schaute ich ihn an, da bin ich über einen Hundedreck, bin ich ausgeglitscht und bin auf den Hintern gefallen. Und (…) da schaut er mir so zu und hat etwas gelacht. Und dann bin ich weiter gegangen und bin auf die Universität und hörte zu. Und so nach zwei Stunden kam ich zurück, und da hatte er die ganze Reihe gemacht und war wieder vorne, aber also in der hinteren Reihe. Und ich habe ihn wieder angeschaut und bin wieder über den gleichen Hundedreck gefallen und sass wieder auf den Hintern. Und der hat mich angeschaut, ich vergess‘ diesen Blick nie. Und da war das ganze Erstaunen über mich drin, dass es überhaupt so einen Menschen gibt, der zweimal über den gleichen Hundedreck auf den Hintern fällt. Ich kann diesen Blick nie vergessen. Und das ist für mich Humor.“

Derselbe „Vorfall“ in „Turmbau, Stoffe IV-IX, Das Haus“, Werkausgabe 1998, Bd. 29, S. 115f.
„Ich hatte auf der Universität zu tun, an einem Nachmittag im Spätherbst. Auf der Terrasse vor dem Casino sind in mehreren Reihen Platanen gepflanzt, ein Gärtner war beschäftigt, die Äste zurückzustutzen, er stand auf einer Leiter unmittelbar am Rande der Terrasse gegen das Trottoir, ich betrachtete ihn, als ich an ihm vorbeiging, und er betrachtete mich, ich glitt aus, ein Hundedreck lag auf der Strasse, ich sass auf dem Hintern, glücklicherweise unbeschmutzt, ich erhob mich, als ob nichts geschehen wäre, der Gärtner verzog keine Miene, sah mir einfach zu, ich ging zur Universität, kam nach anderthalb Stunden zurück, wieder stand der Gärtner auf seiner Leiter, bloss an einem anderen ersten Baum einer anderen Reihe, wieder betrachtete ich ihn, wieder betrachtete er mich, wieder glitt ich aus, wieder auf dem gleichen Hundedreck, wieder ohne mich zu beschmutzen, wieder erhob ich mich, als ob nichts geschehen wäre, wieder verzog der Gärtner keine Miene, sah mir einfach zu, doch vergesse ich seinen Blick nicht mehr: Es lag ein unendliches Erstaunen darin, die überwältigende Erkenntnis, einem überirdischen Trottel begegnet zu sein, derart, dass es dem Gärtner die Sprache verschlug und nicht nur die Sprache, auch das Lachen, ja auch das Lächeln oder einen Ansatz dazu. Dem Mann auf der Leiter war der Mensch in seiner Lächerlichkeit an sich erschienen, als die Urkomödie, er hatte an mir, an meinem zweimaligen Hinfallen, an dieser Wiederholung des Lächerlichen etwas Metaphysisches erlebt, stellte ich mit blitzschnell vor, damals in diesen ersten Sekunden, stelle ich mir noch heute vor, gerade weil diese Wiederholung unfreiwillig geschah und nicht auf dem Kunstkniff eines Clowns beruhte, auf dem dramaturgischen Trick, das Komische mehrfach zu wiederholen. Indem ich dem Gärtner als das erschien, was ich war, erschien ich mir selber. Vielleicht wurde ich deshalb Komödienschreiber. Lappalien entscheiden, lächerliche Vorfälle bestimmen das Leben oft mehr als scheinbar wichtigere, ja tragischere.

Doch gibt es im Leben keine Zufälle, nur Vorfälle, (…)“

Konzern-Verantwortung: Die Volksmehrheit hat ein Signal gesetzt

Es ist klar: Die Konzern-Verantwortungs-Initiative ist nach Verfassung und Gesetz abgelehnt. Aber zur berühmten Tagesordnung wird niemand übergehen können. In den Kommentaren ging eines unter: Es wurde nicht einfach die nächste Initiative gebodigt, dank dem Ständemehr. Vielmehr sah sich die Wirtschafts-Mehrheit in Bundesrat und Parlament gezwungen, die Überzeugungskraft der Initiative durch einen Gegenvorschlag zu bremsen – und brachte nicht einmal diesen bei einer Mehrheit der Abstimmenden durch! Ein sehr seltenes und einschneidendes Resultat, welches auch zeigt, dass der höchst unverbindliche Gegenvorschlag schon jetzt überholt ist. Und wir Gefahr laufen, durch die kommende Entwicklung in vielen Staaten ins Hintertreffen zu geraten.

Die Mehrheit der Abstimmenden liess sich auch mit weiteren fragwürdigen Gegenargumenten nicht beirren und setzte ein entschlossenes Signal für – kontrollierbare – Menschenrechte und Umweltstandards.

Durch die mangelnde Bereitschaft der Polit-Wirtschaftskreise, diese Entwicklung vorausschauend anzuerkennen, haben sich leider verschiedene Gräben in unserem Land erneut aufgetan: Zwischen Deutsch und Welsch, Stadt und Land.

Und wenn es auch nur teilweise stimmt, dass der Bauernverband seine Nein-Parole in der Hoffnung auf Gegengeschäfte gesetzt hat, etwa die Unterstützung durch Freisinn und Wirtschaft bei der Debatte zur Agrarreform? Dann würde ein weiterer Graben wieder aufgerissen, der in den letzten Jahren durch grosse Bemühungen von beiden Seiten ein Stück weit eingeebnet wurde: der Graben zwischen Konsumenten und Produzenten. Wie soll ich meinen vielen Freunden und Bekannten in der Stadt Solidarität mit der Schweizer Bauernschaft schmackhaft machen, wenn der Bauernverband die Interessen der städtischen Bevölkerung derart unterläuft, in einer Sache, welche die Landwirtschaft gar nicht so zentral betrifft ?

Der nun mit Unterstützung der Ständemehrheit und der Volksminderheit durchgebrachte Gegenvorschlag war Resultat eines Bundeshaus-Manövers im letzten Moment. Wäre der frühere, verbindlichere Gegenvorschlag des Nationalrats nicht abgewürgt worden, hätte die Abstimmung mit all den schmerzlichen, schädlichen, trennenden – und teuren – Grabenkämpfen gar nicht stattfinden müssen !

Gusti Pollak, Boltigen

Leserbrief, nach der historischen Abstimmung vom 28. November 2020 an die ländliche Umgebung im Simmental gerichtet.
Und an die urbane in der „Republik“, (als Ergänzung zu Daniel Binswangers brillanter Analyse), schrieb ich:
„Es wird wichtig sein, dass die urbane Gesellschaft den veränderungsfähigen Teil der Schweizer Landwirtschaft nicht fallen lässt und als Baustein einer ökologischen und gerechten Wirtschaft weiterhin stützt. Ein wichtiger Baustein beim lokal Handeln und global Denken.“ 

https://www.republik.ch/2020/11/30/sieg-der-progressiven-schweiz

 

Wenn s einem am 1. August schüttelt …

Öite Zwouguscht (2. Ouguscht)
Oder: Grillitarie.
Hasch zerscht gmeint, d Migros sig musikalisch worde,
es heissi: Grill-it-Arie. Je nu: 
Grill-it-Arier wär ja no grüüsiger.

Dä patriotisch Ur-Schtou geschter / vo hunderttuusig Erscht-Ouguschter
Das Knall-und-Rouch – Petarde-Fescht / mit Cholegrill-Fettarte-Pescht.
Im Grab, da seit dr Täll zum Schiller: „Träjh di nid um und schiil zum Täller.“
Und dänkt sech ab sim Grilli-Vouk: Das isch kes Tälle-Willi-Grouk,
Was dihr am Erscht-Ouguscht und -Mai heit: Frässe / cha me nid mit Freiheit mässe.
So tobe Söi, vo mir us Veh / für das z gseh, gitt s es Virus meh.

Im übrigen habe ich zu Corona noch keinen neuen Text gemacht, die Situation ist ja von selber so grotesk, dass sie kaum mehr literarsatirisch zu toppen wäre.

Nicht neu ist das fortschreitende Überschreiten der Artengrenzen durch den Menschen, in der Gentechnologie wie auch bei den Lebensräumen, was mit aller Wahrscheinlichkeit auch der Grund für die neuste
Pandemie ist. Von einer früheren stammt der folgende Text
(nach Mani Matter):

dr Chrützfäld-Jakob und ds Babettli / hei ufem Chuchitaburettli
e fastfood gfrässe, ’s isch zum ggöisse / Mc-Vegi-Burger hett dä gheisse

druufabe isch de zersch ds Babettli / druuf gchlätteret uf ds Taburettli
und Chrützfäld-Jakob, wo süsch zaagget / isch tifig tifig drunder gschnaagget

de hett vo obe här ds Babettli / sis Tiermähl gchlopft uf ds Taburettli
bis dass dr Chrützfäld-Jakob topplet / so lutt hett undenufe topplet
und grüeft: „hehe, Frou Meyer, machet / de ds Fleisch nid z tüür !“,
du hei si glachet
und är isch obe gsi, äs unde / und ds Schpiil hett disewääg schtattgfunde

vowäge grad so i däm Schpiili / wi z grächtem, Bischpiil gitt es viili,
isch jede, dadrfür wird gchrampfet, / gärn dä, wo Billig-Mönü mampfet

es isch nid jedes wi ds Babettli / so harmlos mit Tiermähl und -fettli
drumm lueget, dass wi Chrützfäld-Kobli / gäng eine ungenufe toppli

i wett fasch säge: d Wält wär freier / we meh würd grüeft:
meh Freilandeier !

 

Püetzer in Corona – Zeiten

Püetzer 2000 (Version 2020)

In diesen Zeiten mit viel Zeit, zum Betrachten der Geschehnisse und ihrer Auswirkungen, auf die Erde, die Gesellschaften, aber auch auf das eigene Denken, kommen Gefühle, Stimmungen, Erinnerungen auf – und Texte, die durch längst vergangene Anstösse entstanden und doch noch erschreckend nah und aktuell sein können. Wie wenn sich gar nichts geändert hätte, sondern nur verhärtet und vergröbert.
Dieser Text entstand nach den ersten grossen Arbeitsmarkt-Krisen, als sogar in der verschonten Schweiz die Erwerbslosen-Zahlen über die Stellen nach dem Komma hinausschossen. Aldi gabs hier nicht, das Wort Startup musste erst noch erklärt werden, gleich wie kurz vorher „Derivat“, der Ruf nach den neuen Selbständigen war neu und ungewohnt – von den Scheinselbständigen und den Uber-Menschen ganz zu schweigen. Eine Immobilien-Crash-Krise war weit weit weg und in ihrer Wucht schlicht unvorstellbar.
Und jetzt sitzen wir zuhause in Quarantäne, alles steht still und wird Billionen vernichten, wir schauen durchs Fenster in die Aussenwelt, und angesichts nur schon von 10 Millionen US-Erwerbslosen ohne Krankenkasse, dafür konfrontiert mit (Stand anfangs April) 250’000 Corona-Fällen. welche America nicht great again machen werden, taucht die kleine Szene aus der Erinnerung auf und windet sich mit ein paar wenigen Strichen und Ergänzungen rein in die Realität.*

Die für die meisten hier nur unerbittlich ist, aber nicht tendenziell tödlich wie für viele überall, für die ohne Aussicht und Auffangnetz und die, welche ihr Zuhause unfreiwillig aufgeben und zurücklassen mussten.

* Realität mit einer Einschränkung: Der Püetzer, der im Text als wandelndes Just-in-time-Produkt durch die Gegend karrt, wird erst schrittweise wieder Realität. Zwischendurch, aber nachhaltig, hat die schrankenlose Mobilität, welche die neue Krankheit erst zur Pandemie machen konnte, sich in absurd realer Weise selber abgeschafft.

Die Fasnacht ist vorbei – im vieldeutigen Sinn

FasnachtBern2020

Vorbei-
– gerauscht
– geschlittert
– verboten
– geschlittert am Verbot
– ….

Alles ist noch zu neu, um die Geschehnisse um/in/zur Berner Fasnacht zu verdauen und wiederzugeben.
Thun war noch nicht betroffen, in Bern war die Soirée am Donnerstag bestens, und am Freitag und Samstag wurde in den Beizen frischfröhlich geschnitzelt
– und auch geguggt, während am Samstag die Schnitzelfuehr beim Zähringerbrunnen mit der ganzen Stillen Fasnacht und dem Umzug dem Virus zum Opfer fiel und die Gassen wie schon am Freitag leergefegt waren.

Für die Basler und anderen KollegInnen gibt es nur, Bedauern und Solidarität auszudrücken.

Hier einfach mal die Pfannehouer-Bänke zum Nachlesen. Bis auf Weiteres.

Vorab ein Zusatz, der den Berner Zettel nicht mehr erreichte, weil die Nachricht erst am Freitag in den Medien ruchbar wurde:
Bä-eLS und eSBä-Be
hei o z viil Subventione gseh
Gäht doch dr öV grad am Uber
de geit äntlech alls dründer u druber

Zu Thun ist zu bemerken, dass das Motto eine zentrale Rolle spielt,
dieses Jahr: „So nä Zirkus !“.
So kam ich mit einem Spielzeug-Keyboard zu Nino-Rota-Zirkusmusik
auf die Bühne: Herreinspaziert ….

FasnachtThun20

 

Fasnacht 2020 in Thun (Schnitzelbank-Soirée 31.1.) und Bern (27.2.)

Nach der Fasnacht:
In Thun lief es wunderbar, in Bern die Soirée auch – aber dann wurde Vieles vom Virus ausgebremst. Der Auftritt im Klingenden Museum wird hoffentlich nächstes Jahr oder in anderer Form nachgeholt.

Sehr bald nach Neujahr ist es wieder soweit. Die Schnitzelbank-Soirées in Thun und Bern stehen an. Einladendes Motto in Thun: „so nä Zirkus !“. Die Thuner Fasnacht dauert von Januar bis Februar (Iichüblete am 30.1., Soirée, 31.1., Umzug am 02.02.2020) und die Berner Fasnacht von Februar bis März, denn auch wenn der Februar einen Tag länger dauert: Am 29.02.2020 um 23.59 ist noch lange nicht fertig …

Hier noch ein spezieller Schnitzel-Auftritt im Klingenden Museum Bern am 29.2.:
Inserat_Fasnachtszeitung_94x61 mm

Das auto-matische Bewusstsein

„Auch auf dem Platz will der 22-Jährige nach dem Europa-League-Out wieder Gas geben. Gladbach muss am Sonntag auswärts bei Wolfsburg* ran. Siegen Embolo & Co. bleiben sie auf der Überholspur – und somit Bundesliga-Tabellenführer. (red)“.

Die „red“ ist die vom Blick online, Quelle die Bild-Zeitung. Eine Sportmeldung wie jede andere, würde mann sagen – wenn es nicht der Schluss eines Beitrags zum Fahrausweisentzug von Breel Embolo wäre, wegen mehrfachem Überschreiten der Tempolimite und wegen Handy-Gebrauch am Steuer.

Embolo hofft auf Behörden, die sehen, dass er sich geändert habe und dass er gerne wieder autofahren würde. Wir können nur hoffen, dass die Änderung bei Embolo nachhaltig ist, dass es nicht nur bei sondern auch in ihm mehrfach geblitzt hat. Und was ändert sich bei den Medienleuten ?  Oder ist es sogar Absicht, von „Gas geben“ und „Überholspur“ auf dem Fussballfeld zu schreiben ?

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, beim Rasen, auf dem Rasen und in den  Redaktionen.

(* Die VfL Wolfsburg GmbH gehört zu 100 % der Volkswagen AG)